Ausgesprochen positiv rezensiert Michael Löbl in der Zeitschrift Kultur das diesjährige „Nachwuchskonzert“, das die Chopin-Gesellschaft am 12. Oktober in Kooperation mit der Villa Falkenhorst durchgeführt hat. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rezension mit freundlicher Genehmigung.
Für Nachwuchs ist gesorgt
Junge Pianistinnen und Pianisten in der Villa Falkenhorst
Die Chopin-Gesellschaft Vorarlberg präsentierte fünf junge heimische Pianistinnen und Pianisten in einem Spotlight-Konzert mit dem Titel „Jugend im Aufbruch“ am Sonntag um 17 Uhr in der Villa Falkenhorst Thüringen.
Wer sich für den Klaviernachwuchs in Vorarlberg interessiert, für den war der späte Sonntagnachmittag in der Villa Falkenhorst ein Pflichttermin. Fünf junge Pianistinnen und Pianisten in einem Konzert, das gibt es nicht oft. Eine fruchtbare Kooperation von Chopin-Gesellschaft Vorarlberg und Villa Falkenhorst macht’s möglich. Und das auch noch bei freiem Eintritt und gesponsertem Kuchenbuffet in der Pause.
Nicht ohne Stolz
Nach kurzen einführenden Worten von Verena Burtscher, der Geschäftsführerin der Villa Falkenhorst, ergriff Arndt Rausch im Namen der Chopin-Gesellschaft das Wort. Informativ und humorvoll führte er durch das Programm, nicht ganz ohne Stolz, ist doch eine der fünf Protagonist:innen eine seiner Schülerinnen.
Und sie eröffnete auch das Programm. Die 18-jährige Chiara Polster stammt aus Lustenau, war Schülerin von Arndt Rausch, bevor sie ans Musikgymnasium und das Pre-College der Stella Musikhochschule wechselte. Dort hat sie mittlerweile den dritten Lehrer innerhalb von nur zwei Jahren. Gerhard Vielhaber und Katharina Berrio Quintero haben die Stella Richtung Deutschland verlassen und erst vor wenigen Tagen wurde der erst 27 Jahre alte Pianist und Komponist Johannes Obermeier aus München zu deren Nachfolger als Professor für Klavier berufen.
Chiara Polster spielte zunächst das „Impromptu B-Dur“ (D 935) von Franz Schubert, gefolgt von der „Chaconne“ der großen, erst im vergangenen Frühjahr verstorbenen russischen Komponistin Sofia Gubaidulina. Mehr Kontrast geht nicht. Während bei Schubert trotz wunderbar gesanglich interpretierten Passagen noch eine gewisse Anspannung zu spüren war, gelang Chiara Polster Sofia Gubaidulinas „Chaconne“ absolut überzeugend. Dieses faszinierende Werk aus dem Jahre 1962 ist gespickt mit schroffen Gegensätzen und verlangt von den Interpreten laut Komponistin „kräftiges Akkordspiel und lebhaftes Temperament“. Beides konnte Chiara Polster liefern, sie meisterte diesen 10-minütigen Koloss ausgesprochen souverän und das Publikum reagierte begeistert.
Kein Wunderkind
Wie Arndt Rausch in seiner Moderation anmerkte, unterscheidet sich der Dornbirner Tobias Jacob von 99 Prozent seiner Kolleg:innen vor allem aufgrund seiner Biografie. Er hat eben nicht schon als Kleinkind mit dem Klavier begonnen, nein, der heute 16-jährige Musikgymnasiast erhielt ab dem Alter von 13 Jahren Klavierunterricht, spielt also tatsächlich erst seit drei Jahren. Nachdem er sich zuvor mit Schlagzeug und Steirischer Harmonika beschäftigt hatte, entdeckte er seine Leidenschaft für das Klavier. Sein Lehrer an der Musikschule Dornbirn, Paul Faderny, betreut ihn noch heute. Bereits nach einem Jahr Unterricht bestand er die Aufnahmeprüfung an der Stella Musikhochschule. Dort ist er jetzt Studienkollege von Chiara Polster und hatte und hat auch Unterricht bei denselben Lehrer:innen wie sie. Tobias Jacob, der vor einem halben Jahr mit seiner Interpretation des zweiten Klavierkonzertes von Sergei Rachmaninoff Aufsehen erregt hatte, verfügt – begünstigt auch durch seine Körpergröße – über eine richtige Klavierpranke, die er im „Scherzo Nr. 3“ von Frédéric Chopin auch ausgiebig einsetzte. Er scheint tatsächlich „born for he piano“ zu sein, kann seinen kernigen Klaviersound aber auch zurücknehmen, wie er in Chopins verträumt-verhaltenen „Nocturne fis-moll“ unter Beweis stellte. Seine hochmusikalische Interpretation von zwei stilistisch sehr unterschiedlichen Chopin-Werken wurde durch langanhaltenden Applaus belohnt.
Klingende Wassertropfen
Einen starken Eindruck hinterließ nach der Pause die 23-jährige Raffaela Witzemann aus Altach. Sie war Schülerin von Károly Gáspár an der Musikschule Mittleres Rheintal und studiert derzeit an der Musikhochschule Trossingen bei Ingo Dannhorn. Raffaela Witzemann hat ihren jungen Kolleg:innen natürlich einige Jahre voraus und befindet sich mitten in einem Hochschulstudium, auch bei nationalen und internationalen Wettbewerben war sie bereits erfolgreich. Was sofort auffällt, ist ihre konzentrierte Bühnenpräsenz und ihr in allen Lagen runder, großer aber nie harter Klang. Mit Ravel und Prokofjew hat sie sich zwei Komponisten ausgesucht, deren Klavierwerke vor allem manuell äußerst herausfordernd sind. Und plötzlich war die leicht trockene Akustik des Saales kein Thema mehr und auch der etwas spröde klingende Bösendorfer-Flügel schillerte wie von Zauberhand in allen Registern. Technisch gelang ihr alles makellos, bei Maurice Ravels „Jeux d’eau“ konnte man die Wassertropfen vernehmen und in der dritten Klaviersonate von Sergei Prokofjew traf sie genau den richtigen Ton zwischen Motorik und Gesanglichkeit.
Finale zu vier Händen
Den Abschluss bildete das Duo Laurah Kasemann und Nicola Schöni mit der „Sonate für Klavier zu vier Händen“ des in Vaduz geborenen Hochromantikers Josef G. Rheinberger. Rheinberger, der im Alter von zwölf Jahren nach München zog und dort sein restliches Leben verbrachte. Er war ein hochangesehener Komponist, Organist und Kompositionslehrer, der insgesamt über 400 Werke hinterließ. Darunter gibt es einige kompositorische Juwelen, das „Nonett für Streicher und Bläser op. 139“ zum Beispiel. Seine „Sonate op. 122“ ist allerdings ein ziemlicher Brocken, zweifelsohne mit wunderschönen Stellen und vielen interessanten Passagen, insgesamt aber doch etwas langatmig. Ein unbekanntes, langes und schwieriges Werk einzustudieren verdient Respekt, und das Duo Kasemann – Schöni meisterte alle Hürden professionell. Rein gestalterisch könnte man aus dieser Sonate vermutlich noch etwas mehr herausholen.
Für pianistischen Nachwuchs in Vorarlberg ist also gesorgt. Und dann gibt es ja auch noch den hochbegabten 24 Jahre alten Dornbirner Gabriel Meloni, derzeit Student an der Musikuniversität Wien. In der Pause der Fernsehübertragung des kommenden Neujahrskonzertes wird er gemeinsam mit Solobläsern der Wiener Philharmoniker zu sehen sein. Auch er könnte wieder einmal in Vorarlberg vorbeischauen.