Am 28.6. hielt Claire Huangci ihren Klavierabend im Pförtnerhaus ab, gefolgt von einem öffentlichen Meisterkurs am nächsten Tag – beides in Kooperation mit der Stella Privathochschule für Musik.

Vom Konzert zeigt sich Andreas Marte in seiner Rezension für die Vorarlberger Nachrichten. Wir veröffentlichen nachfolgend die Rezension mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Brücken zwischen Europa und Amerika

Claire Huangci begeistert mit einem ebenso klugen wie fulminanten Klavierabend.

FELDKIRCH Mit Claire Huangci kehrte am Sonntagabend eine Künstlerin zur Chopin-Gesellschaft Vorarlberg zurück, die dem Feldkircher Publikum seit ihrem ersten Auftritt im Jahr 2011 bestens vertraut ist. Huangci präsentierte sich in Hochform und gestaltete einen ebenso virtuosen wie gedanklich schlüssigen Klavierabend, der musikalische Brücken zwischen Europa und den USA schlug und dabei Bekanntes ebenso selbstverständlich mit selten zu hörenden Werken verband.

Schon Carl Czernys Fantaisie brillante sur des airs de „Le nozze di Figaro“ machte deutlich, wohin die Reise gehen sollte. Das oft auf seine Klavieretüden reduzierte Bild Czernys erhielt hier eine eindrucksvolle Korrektur. Huangci entfachte ein wahres Feuerwerk pianistischer Brillanz, ließ Mozarts Opernmelodien mit Charme, Eleganz und federnder Leichtigkeit aufblühen und verband technische Souveränität mit feinem musikalischem Humor. Der anschließende Chopin-Block bildete das emotionale Zentrum des ersten Konzertteils. Die Etüde op. 25 Nr. 7 erklang mit innigem Gesangston und großer klanglicher Differenzierung. Im berühmten Fantasie-Impromptu faszinierte Huangci durch ihre scheinbar mühelose Virtuosität, doch nie wurde Technik zum Selbstzweck. Den Höhepunkt setzte sie mit der Polonaise As-Dur op. 53, der sogenannten „Heroischen“. Kraftvoll und majestätisch entwickelte sie deren großen Bogen, ohne jemals den Sinn für Eleganz und Transparenz zu verlieren.

Mit den vier Charakterstücken von Ignacy Jan Paderewski führte Huangci das Publikum zu einem Komponisten, dessen außergewöhnliche Lebensgeschichte als Pianist, Staatsmann und Freiheitskämpfer ebenso beeindruckt wie seine Musik. Das elegante Menuett, das temperamentvolle Caprice à la Scarlatti, das poetische Nocturne und die virtuose Cracovienne fantastique erhielten jeweils ihren eigenen Charakter. Huangci zeigte dabei nicht nur technische Perfektion, sondern auch ein feines Gespür für Stil und Farbenreichtum.

Rhapsody in Blue

Nach der Pause erklang Musik von Fanny Hensel, deren Werke viel zu lange im Schatten ihres Bruders Felix Mendelssohn standen. Huangci machte eindrucksvoll hörbar, welch eigenständige kompositorische Persönlichkeit hier zu entdecken ist. Mit großer Natürlichkeitund feinem Gespür für romantischeKlangfarben verlieh sie der MusikWärme, Leichtigkeit und poetischen Atem. Ebenso überzeugend widmete sie sich den Werken der Komponistin Florence Price. Your Hands in Mine, Waltz of the Spring Maid und besonders die temperamentvolle Fantasie nègre No. 2 verbanden europäische Tradition mitafroamerikanischen Einflüssen. Huangci ließ diese Musik rhythmisch pulsieren, kostete ihre harmonischen Farben aus und machte deutlich, weshalb Florence Price heute endlich jenen Platz im Konzertleben zurückerobert, der ihr lange verwehrt geblieben war.

Mit Percy Graingers virtuosen Bearbeitungen zweier Gershwin-Lieder öffnete sich der Klangraum endgültig nach Amerika. Hier blitzte Huangcis spielerische Lust an brillanten Transkriptionen auf. Sie verband klassische Präzision mit jazzigem Schwung und federnder Leichtigkeit, ohne jemals ins Oberflächliche abzugleiten.

Den krönenden Abschluss bildete Gershwins Rhapsody in Blue in der Solofassung des Komponisten. Was im Orchester oft vom Farbenreichtum der Instrumentation lebt, entfaltete Huangci allein am Flügel mit verblüffender Klangfülle. Sie ließ den Bösendorfer geradezu orchestral klingen, modellierte die berühmten Themen mit rhythmischer Prägnanz und feinem Gespür für Blues, Jazz und klassische Form. Dabei entstand ein eigenständiges pianistisches Erlebnis von mitreißender Intensität.

 

Neben dem Konzert hat Michael Löbl auch dem darauffolgenden Meisterkurs beigewohnt. Seinen Text in der Kulturzeitschrift veröffentlichen wir nachfolgend mit freundlicher Genehmigung.

Dem Affen Zucker geben

Die Pianistin Claire Huangci gab einen ungewöhnlichen Klavierabend bei der Chopin-Gesellschaft im Pförtnerhaus.

Zu Vorarlberg und dem Bodenseeraum hat Claire Huangci eine jahrzehntelange Beziehung. Schon als ganz junge Pianistin ist sie in Friedrichshafen aufgetreten, anschließend war sie mehrmals im Rahmen von Peter Vogels Internationalem Klavierfestival junger Meister zu hören, 2012 erhielt sie in Friedrichshafen den ZF-Musikpreis. Das Symphonieorchester Vorarlberg hat sie bereits fünfmal als Solistin verpflichtet, sie spielte Rachmaninoff, Prokofieff, Ravel und Gershwin. Besonders in Erinnerung geblieben ist die Aufführung des Klavierkonzertes op. 48 des Feldkircher Komponisten Ferdinand Andergassen, das sie für die Eröffnung des neuen Montforthauses 2015 extra einstudiert hatte. Auch die Chopin-Gesellschaft hat Claire Huangci bereits zweimal nach Feldkirch eingeladen.

Claire Huangci stammt aus den USA, wo sie am renommierten Curtis Institute in Philadelphia studierte. Ihr Lehrer Gary Graffman hatte auch Lang Lang unterrichtet, die drei Jahre ältere Yuja Wang war ihre Studienkollegin. Später setzte Claire Huangci ihr Studium an der Musikhochschule Hannover bei Arie Vardi fort. Zwei wichtige Preise gaben den Startschuss für ihre internationale Karriere: 2011 ein zweiter Preis beim ARD-Wettbewerb in München, 2018 der erste Preis beim Concours Géza Anda in Zürich. Mittlerweile spricht Claire Huangci perfekt Deutsch und lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in der Nähe von Frankfurt. Ihre 14 CDs erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden in der Fachpresse hervorragend rezensiert.

Mit einem Augenzwinkern

Das Konzert der Chopin-Gesellschaft Vorarlberg im Pförtnerhaus Feldkirch stand unter dem Titel „Welten“. Die Programmgestaltung bot eine willkommene Abwechslung, da es außer einem dreiteiligen Chopin-Block fast nur Unbekanntes zu hören gab. Gleich zu Beginn eine „Fantasie brillante“ über Themen aus Mozarts Figaro, das Opus 493 (!) von Carl Czerny, der ja wegen seiner unzähligen Übungen für die Fingertechnik bei Pianist:innen nicht unbedingt beliebt ist. Czerny war aber eine äußerst einflussreiche Figur im Wiener Musikleben des 19. Jahrhunderts, Beethoven-Schüler und später auch Lehrer von Franz Liszt. Hier war Claire Huangci gleich in ihrem Element, das unglaublich virtuose Stück bereitete ihr keinerlei Probleme, alle halsbrecherischen Passagen wurden nicht nur gemeistert, sondern ganz locker und mit einem Augenzwinkern serviert. Das war schon einmal ein gelungener Auftakt. Spätestens bei der As-Dur Polonaise op. 58 des folgenden Chopin-Teils war klar: Claire Huangci wird an diesem Abend nichts „normal“ spielen. Ihr ausuferndes musikalisches Temperament treibt sie an, verleitet sie dazu, Schnelles noch etwas schneller anzulegen, immer wieder Rubati einzubauen und in jeder Passage ein kleines Feuerwerk abzubrennen.
Es folgten vier unterhaltsame Stücke von Ignaz Jan Paderewski, einer schillernden Figur der Zwischenkriegszeit. Paderewski war sowohl gefeierter Klaviervirtuose als auch Komponist, Kämpfer für ein unabhängiges Polen, später sogar polnischer Außenminister und Ministerpräsident.

Piano Heroines

Nach der Pause kamen zwei Komponistinnen zu Wort. Zunächst Fanny, die Schwester von Felix Mendelssohn, mit einem flirrenden Capriccio, das jede:r beim ersten Hören ihrem Bruder zuschreiben würde. Anschließend daran drei Werke von Florence Price, die in letzter Zeit vor allem durch die Wiederentdeckung ihrer großartigen Ersten Symphonie international Aufsehen erregte. Alle vier Stücke sind auch auf Claire Huangcis CD „Piano Heroines“ zu finden. Die CD hat übrigens nichts mit illegalen Rauschmitteln zu tun! Durch Florence Price war man musikalisch in den USA angekommen und blieb auch gleich dort. Zwei Etüden des bekannten Pianisten und Komponisten Earl Wild nach Liedern von George Gershwin leiteten über zum Finale, der Klavierfassung von Gershwins „Rhapsody in Blue“.
Claire Huangci ist eine technisch ungewöhnlich brillante Pianistin, ihre Virtuosität ist fast grenzenlos, verleitet sie aber manchmal dazu, zu viel zu tun. Die „Rhapsody in Blue“ beispielsweise besteht ohnehin aus ständigen Rhythmus- und Stimmungswechseln. Wenn man da noch eins draufsetzt, noch mehr beschleunigt und abbremst, dem Affen immer weiter Zucker gibt, kann das für die Zuhörer:innen auch schon mal anstrengend werden.

Master Class

Claire Huangcis Besuch in Feldkirch war jedoch nach dem Konzert im Pförtnerhaus noch nicht zu Ende. Am Montag gab sie noch eine Meisterklasse an der Stella Musikhochschule. Alle, die dabei waren, werden sich noch länger an diesen Vormittag erinnern. Zwei Studenten und zwei Studentinnen präsentierten Werke von Debussy, Beethoven, Isaac Albéniz und „Bacchanale“ des rumänischen Komponisten Constantin Silvestri. Debussy und Beethoven sind Teil von Claire Huangcis Repertoire. Blitzschnell analysierte sie Probleme, bot Lösungen an, gab Anregungen zur klanglichen Differenzierung und zu technischen Schwierigkeiten. Die Stücke von Albéniz („Iberia“) und Silvestri waren ihr allerdings vollkommen unbekannt, sie hatte sie vorher weder gehört noch gespielt. Nach kurzem Durchblättern der Noten schien sie aber bereits den vollen Überblick zu haben, denn alle ihre Ideen und Vorschläge bezüglich Tempo, Phrasierung, Anschlag oder Rhythmus hatten Hand und Fuß und ergaben sofortige Verbesserungen im Spiel der Studierenden. Besonders faszinierend war zu beobachten, dass sie sämtliche Passagen der ihr nicht bekannten Klavierwerke nur einmal kurz anspielen musste, um sie anschließend fast konzertreif wiederzugeben. Das war wirklich beeindruckend.
Claire Huangci wird vermutlich in den nächsten Jahren als Professorin an eine große europäische Musikhochschule berufen werden. Jede:r angehende Pianist:in sollte sich dann um einen Platz in ihrer Klasse bemühen. In Weimar hätte es vor vier Jahren fast geklappt, die Berufungsvereinbarung war bereits unterschrieben, eine Verkettung unglücklicher Umstände führte jedoch im letzten Moment zur Auflösung des Vertrages.
Claire Huangci befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer pianistischen Karriere. Möge sie den Musikfreunden dieser Welt noch viele aufregende Stunden bescheren, bevor sie ihr Wissen an die nächste Generation weitergibt. Dass sie das zu einem geeigneten Zeitpunkt ebenso hervorragend machen wird, darüber gibt es keinen Zweifel.